Schon seit einiger Zeit bin ich gedanklich immer mal wieder über das Donaudelta „gestolpert“, die Donau als Fluß übt schon seit längerer Zeit eine gewisse Anziehungskraft auf mich aus. Mit dem Kanu konnte ich bereits ein Teilstück befahren, die Strecke von Wien nach Budapest und von Budapest nach Baja. Beim Blick auf die Karte wird diese Leistung allerdings schnell in das rechte Licht gerückt, das „Ziel“ oder das Ende des Flusses ist noch weit, weit entfernt! Also abkürzen und das Delta vorziehen! Der Plan war schnell gefasst, das Packraft ( ein klein zusammenpackbares, robustes Schlauchboot ) sollte als Fortbewegungsmittel im dichten Netz der Kanäle dienen. Zum ersten Mal wollte ich auch ernsthaft während einer Kanutour fotografieren, die Fotoausrüstung musste also auch mit.

Einige Tage vor der Abreise. Ich sitze mal wieder vor dem Laptop und versuche all die Zug, Bus und Tram-Verbindungen zu kombinieren um möglichst ohne großen Zeitverlust von meinem Heimatort nach Tulcea, dem Tor des Donaudeltas, zu gelangen. Ich will die Strecke mit dem Zug zurücklegen um die Umwelt zu schonen, doch auch die kürzeste Verbindung wird mich zwei Tage kosten – bei einer Woche Reisezeit! Ich bin unentschlossen, zudem lassen sich die Verbindungen ab Budapest nicht wirklich reservieren bzw. reicht eine kleine Verspätung in München oder Wien um den Zug nach Bukarest nicht mehr zu erreichen . . . mir dämmert das dies kein einfaches Unterfangen werden wird! Kurz vor Start entschließe ich mich dann doch zu Fliegen, auch wenn das ein leichtes Gefühl den Geist dieser Reise schon beim Start verraten zu haben zurücklässt.

So stehe ich nun an einem Sonntag Morgen am Flughafen, meine große Rote Tasche mit dem Boot, dem Essen, der Campingausrüstung und dem ganzen sonnigen Zeug verschwindet im endlosen Netz der Gepäcktransportbänder. Jetzt geht es also los! Oft stelle ich überrascht fest das eine Reise schon begonnen hat wenn mich der Fluss der Ereignisse mit sich zieht, man sich zurecht finden und Entscheidungen treffen muss um weiter zu kommen.

 

Weiter komme ich auch, und zwar problemlos nach Bukarest. Von dort geht es mit einem Shuttlebus zum nächsten Bahnhof. Sofort bemerke ich beim Blick aus dem Fenster den morbiden Charme den die Osteuropäischen Länder ausüben. Ich kann es nicht so richtig erklären aber ich mag das. Die Mischung aus Zerfall und Aufbruch, die monströsen Bauwerke als Zeugen der Geschichte, die dunklen Ecken, die Geräusche, Gerüche und Gesichter einer Welt die hin und her gerissen ist zwischen Gestern, Heute und Morgen. Schwer bepackt laufe ich zu Fuß durch die Straßen zu einem kleineren Busbahnhof, dem Autogare Augustina. Hier werden Fahrten nach Tulcea angeboten, für 90 Lei bringt mich ein Bus in 4,5 h. ins ca. 230 Km entfernte Städtchen Tulcea.  ( sprich: Tulscha ). Dort angekommen ist es Nacht, ursprünglich wollte ich noch einige Kilometer paddeln aber jetzt noch umpacken? einen Weg ins Wasser zu finden? im dunklen auf der doch recht bewegten Donau den Eingang zu den Kanälen suchen ? Ich entscheide mich eine Nacht in der Stadt zu verbringen und frage mein Smartphone nach einer günstigen Unterkunft in der Nähe. Auf der Karte entdecke ich eine Jugendherberge ein paar Querstraßen weiter und beschließe dort hin zu gehen. Als ich von der Hauptstraße abbiege, stehe ich in einer dunklen Gasse, der Lärm der Straße dring nur noch gedämpft zu mir. Die Fenster rechts und links von mir sind dunkel, ich bekomme so meine Zweifel doch tatsächlich finde ich eine Tür mit einem kleinen Schild das mir verrät richtig zu sein. Als ich die Türe öffne stehe ich in einem dunklen Gang, Zimmertüren zweigen davon ab, keiner ist da nur irgendwo läuft ein TV. Ich klopfe an die Türe und ein kleiner, dunkelhaariger Typ macht auf. Ich solle einfach warten, vielleicht kommt noch jemand vorbei. Also warte ich, keiner kommt vorbei! Da kommt der Mann wieder vorbei und gibt mir den Tip, dass weiter unten ein weiteres Hotel sei. Also gehe ich dort hin, klingle den Besitzer, der in einem seiner Hotelzimmer selbst wohnt, aus dem Bett. Plötzlich geht alles glatt, zwar ist das Zimmer teuer ( ca. 15€ ) aber ich will einfach nur schlafen.Am nächsten morgen, ausgeruht und frisch geduscht gehe ich hinunter zur Hauptstraße, stoppe ein Taxi und lasse mich aus der Stadt raus zum Anleger der Fähre “ Bac“ bringen.

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Ich verpacke meine Sachen im Boot und bald schon bin ich auf dem Fluß! Das Ufer Flußabwärts ist übersät mit alten Schiffen die im Wasser oder an Land vor sich hin rosten, auf dem breiten Saint George Arm der Donau ist schon viel Verkehr, Fähren und vor allem Boote mit Touristen brausen Richtung Delta. Mit dem kleinen langsamen Boot muss ich aufpassen ihnen nicht ins Fahrwasser zu kommen, doch schließlich erreiche ich nach einigen Kilometern den Abzweig des „Canalul Mila 35“. Als ich in ihn einfahre wird sofort alles ruhiger, zwar überholt mich noch immer Boot für Boot doch die Ufer sind grün und ein Grundton von Summen, Zwitschern und anderen Lauten erfüllt die Luft. So paddele ich entlang, mache ein paar Fotos ohne etwas besonderes dabei zu sehen als ein Boot mit Rumänen, zwei Männer und zwei Frauen, neben mir langsamer wird und mich anspricht. Ich verstehe kein Wort, aber der Mann der nicht am Steuer sitzt fragt mich mit eindeutigen Gesten ob ich ein Bier möchte. Es ist erst 10 Uhr, also warum nicht denke ich. Also mache ich mein Boot an dem ihren fest und trinke, während ich abgeschleppt werde ein Bier, dazu gibt man mir noch ein riesiges Baguette mit einer Art Hackbraten drin. Wir unterhalten uns lebhaft, trotz der Sprachbarriere und irgendwann entlassen mich die 4 und ich bin wieder allein.

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Um vom Kanal runter zu kommen setze ich an einem günstigen Punkt in einen anderen, kleineren Kanal um, der nur durch einen Damm vom Hauptkanal getrennt ist. Noch einmal wird es um mich ruhiger – und gleichzeitig lauter ! Die Geräusche des Waldes und des Wassers sind nun allgegenwärtig. Allen voran die Frösche werden zu einem Grundton der mich die nächsten Tage noch begleiten wird! Morgens erwacht man mit dem Rufen der Frösche im Ohr, auf dem Wasser schwillt es mal an mal ab ohne je weg zu sein und am Abend wiegt es einen in den Schlaf. Mögen sollte man das also…

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Den ganzen Tag paddele ich so durch die Kanäle, suche Einfahrten zu den vielen Seen und offenen Wasserflächen, halten an um den Geräuschen zu lauschen oder zu fotografieren. Die Sache mit dem Fotografieren stellt sich jedoch als sehr schwierig heraus. Es ist windig und die Kanäle haben eine leichte Strömung, wenn ich etwas entdecke, dauert es eine Weile bis ich die Kamera ausgepackt und eingestellt habe, in dieser Zeit hatte sich das Boot meist gedreht, war abgetrieben oder das Tier war verschwunden.

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Gegen Nachmittag versuche ich einen Platz für meine Hängematte zu finden in der ich die Nacht verbringen will. Immer wieder steure ich Baumgruppen an, immer wieder merke ich das nur die Stämme aus dem Wasser schauen. Trockenes Land ist Mangelware, nur die Dämme der Kanäle ragen weit genug aus dem Wasser um einigermaßen trocken zu sein, sind allerdings auch sehr schmal. Ich beglückwünsche mich im stillen zu der Entscheidung eine Hängematte und kein Zelt mitgebracht zu haben! Irgendwann finde ich auch einen Platz, ein Gewitter zieht auf und ich fürchte schon eine ungemütliche Nacht vor mir zu haben! Doch es bleibt bei Wind und Donner, der Regen bleibt aus und ich schlafe gut, bis mich am nächsten Morgen die Sonne weckt!

Da es noch immer sehr windig ist lasse ich mir Zeit, fahre erst am späten Vormittag weiter. Ich versuche den Eingang zum „Lacul Alb“ zu finden, was von der tiefen Position im Packraft allerdings gar nicht so einfach ist. Trotz der frühen Jahreszeit steht das Schilf höher als ich und ich muss in jede Lücke einfahren um zu sehen ob sich dahinter der See auftut. Ich merke auch bald das sich Karte und Realität nicht wirklich decken, dennoch finde ich irgendwann einen Durchschlupf. Der See ist wie so viele andere auch bevölkert mit Wasservögeln. Vor allem Schwäne bilden hier große Gruppen aber auch Haubentaucher, Bläßhühner, Reiher, Eisvögel, Kuckuck und Möwen kann man häufig beobachten.

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Als ich am Rand des Sees entlang fahre, bemerke ich ein Zelt zwischen den Bäumen, sehe aber keine Menschen. Als ich wenig später in einen Kanal einbiege sehe ich das zu dem Zelt gehörige Boot und die zwei Besitzer. Ady ist 30 und kommt mit seiner Frau Alex aus Bukarest, sie verbringen hier eine ganzen Woche und hatten sich häuslich auf dem trockenen Fleck eingerichtet. Sie laden mich ein bei ihnen zu bleiben, auf einen Kaffee, ein Bier und etwas zu essen. Auch sagen sie das laut dem aktuellen Wetterbericht der Sturm nicht bis Morgen Mittag nachlassen soll und auch Regen ist möglich, Wir verstehen uns gut, unterhalten uns auf englisch, essen und trinken zusammen. Immer wieder merken sie mit Blick auf das Gummiboot an das ich wohl etwas verrückt sei. Und allein…und draußen…und so. Aber ich versichere ihnen das das Boot stabil ist und ich sogar ein GPS dabei habe! Am Mittag kommen noch weitere Freunde mit ihren Booten an, es wird gegessen und getrunken. Zusammen unternahmen wir eine Rundfahrt durch die angrenzenden Kanäle und Seen des Deltas. Auf diese Weise sah ich noch einen großen Teil mehr als ich es in dieser Zeit wohl je mit dem Packraft geschafft hätte. Auf der Rückfahrt sahen wir am Ufer sogar einen der berühmten Marderhunde! Zurück im Camp wurde das Lagerfeuer wieder in Gang gebracht. Wir unterhalten uns und teilen Geschichten. Es ist ein angenehmes Zusammensein und so beschließe ich die Nacht in ihrem Camp zu verbringen, die Einladung dazu sprachen sie schon am Vormittag aus und waren jetzt froh das ich sie annahm. Als es dunkel wurde lies der Wind nach, der Himmel wurde klar und wir beschlossen noch einmal auf den See hinaus zu fahren. In der tiefen Schwärze der Nach überspannte ein unglaublich dichtes Netz aus Sternen den Himmel. Selten habe ich so viele Sterne gesehen! Dazu die schwarze Fläche des Sees und die nur schwach zu erkennende Siluette der Weiden am Ufer. Fast könnte man das Gefühl für oben und unten verlieren, für links und rechts. Statt auf einem See hätte man auch irgendwo in diesem Universum dümpeln können, so tief war diese Sternennacht.

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Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich nach dem Frühstück von meinen neuen Freunden. Wir hatten Nummern ausgetauscht und versprochen in Kontakt zu bleiben! Bald hatte mich die Ruhe der Kanäle wieder, Eisvögel schossen über das Wasser. Rallenreiher warteten wie erstarrt auf Beute, Kuckuck und Fasan riefen rechts und links im Unterholz. Am Mittag wurden die Bäume dann weniger, Weiden erstreckten sich entlang der Ufer. Störche und Silberreiher stelzten durch die Wiesen und Uferbereiche. Auch der Kanal wurde breiter, die Ausflugsboote nahmen wieder zu und die Unberührtheit um mich herum nach und nach ab. Plötzlich schob sich ein großes Frachtschiff hinter der Uferkontur entlang, ich war urplötzlich wieder in der lauten, dreckigen Welt des Saint George Armes angelangt.

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Nach Tulcea zurück waren es noch einige Kilometer, gegen den Wind und die Strömung. Ich kam kaum voran und der Blick auf die Uhr sagte mir das ich so nicht an diesem Tag nach Tulcea schaffen würde. In der Ortschaft Partizani legte ich an einem Steg an und erkundigte mich nach einer Fähre in Richtung Tulcea. Es gäbe nur eine, sagte mir die Betreiberin eines Ferienresortes am Flussufer, aber sie kenne da jemanden, müsse nur kurz telefonieren . . . Ich wusste das es teuer werden würde, auch das ich keine gute Verhandlungsposition hatte weil ich den Bus nach Bukarest am Abend erreichen wollte. So stimmte ich dem Preis zu, bestieg das alte Fischerboot mit hustendem Außenbord Motor und war unterwegs !

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Manchmal geht alles sehr schnell, jemand kennt einen der einen kennt oder unerwartet sind Dinge plötzlich möglich. Ich liebe das am Reisen, auch wenn man dann mehr zahlt als es Einheimische tun würden.

In Tulcea erreiche ich dann tatsächlich noch den Bus zurück nach Bukarest, den Weg vom Busbahnhof zum Flughafen kenne ich ja schon und scheinbar von einem Moment auf den anderen stehe ich in der sauberen, hellen Halle des Bukarester Flughafens. Der Geruch von Lagerfeuer und der Lem des Deltas haften noch an meinen Kleidern, ich setze mich hin, bestelle einen Kaffee und mache mich auf eine Nacht im Flughafen bereit. Mein Flug zurück geht am nächsten Vormittag, ich klicke mich durch die Bilder auf meiner Kamera und merke wie jetzt schon alles so weit weg scheint….und bei diesem Gedanken fühle ich, ich war nicht das letzte Mal im Delta.


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